Archiv für den Monat: Februar 2010

Noch mehr falsche Freunde

Im letzten Posting ging es um mehrdeutige Wörter, bei denen die Gefahr besteht, beim Übersetzen die falsche Bedeutung auszuwählen, und dadurch im Idealfall einen unfreiwillig komischen Text zu produzieren. Meist weniger lustig, aber dafür umso nerviger, sind die “falschen Freunde”, von denen es wegen der engen Verwandtschaft der beiden Sprachen in der Paarung Deutsch-Englisch besonders viele gibt. Man spricht von einem falschen Freund, wenn ein englisches Wort genauso aussieht wie ein deutsches, es aber (auch) etwas anderes bedeutet, bzw. wenn es im Deutschen in dieser Bedeutung nicht geläufig ist. Oder besser: war.

Den ersten falschen Freund für heute finden wir in dieser Überschrift:

World-of-Warcraft-Spieler beschweren sich über Charakter-Überwachung
(Heise online, 23.1.2010)

Ja, haben die World-of-Warcraft-Spieler denn so einen gefährdeten Charakter? Alles Schummler, Neider, Halunken? Nein, das englische “character” in der Bedeutung von “Spielfigur” wurde so oft einfach mit “Charakter” ins Deutsche übersetzt, dass es sich im Spielebereich schon durchgesetzt hat. Etwas unglücklich formuliert ist die Überschrift trotzdem.

Nächster falscher Freund: “local”. Früher wurde das mit “örtlich”, “ortsansässig” oder “hiesig” übersetzt, heute fast nur noch mit “lokal”. Man liest vom “lokalen Vertreter der Allianz-Versicherung”, den “lokalen Geschäften” und “lokalen Handwerkern”. Komischerweise hört man aber immer nur von den “örtlichen Lokalen”, nie von den “lokalen Lokalen”. Wieso eigentlich nicht?

Der dritte und letzte falsche Freund für heute ist die “Administration”. Dies ist ein spezielles deutsches Wort, das ausschließlich für US-amerikanische Regierungen verwendet wird:
Clinton-Administration, Bush-Administration, Obama-Administration. Hat man je von einer Sarkozy-, Putin- oder Merkel-Administration gehört? Schon bedenklich: “Obama-Administration” ergibt in der deutschen Google News-Suche 55.000 Treffer, “Obama-Regierung” gerade mal 200.

Apple verschifft Computer

In der Liste mit deutsch-englischen Übersetzungsfallen und falschen Freunden von Stefan Winterstein findet sich das lustige Beispiel von der “Verschiffung von Windows 98″. Das englische “to ship” wurde mit “verschiffen” statt “ausliefern” übersetzt. Beide Übersetzungen sind natürlich für sich genommen korrekt. Da man es hier aber mit zwei ganz unterschiedlichen Lesarten des Verbs “to ship” zu tun hat, ist der Übersetzer gefordert, die in den aktuellen Kontext passende Bedeutung auszuwählen. Das gelingt offenbar weniger oft als gedacht, denn es war ziemlich einfach über Google ein weiteres Beispiel des gleichen Übersetzungsfehlers aufzuspüren:

Fundamental laufen die Geschäfte für Apple derzeit gar nicht so schlecht. Die
weltweiten Computerverkäufe sind zwar zum Jahresende erstmals seit fünf Jahren
um 0,4 Prozent gefallen, berichtete das amerikanische Marktforschungsinstitut
IDC am Mittwoch. Immerhin konnte Apple jedoch 1,2 Millionen Computer
verschiffen und den Marktanteil auf 7,2 Prozent steigern. (FAZ vom 15.1.2009)

Neben dem Verb “verschiffen” habe ich auch “Fundamental” hervorgehoben, denn auch hieran könnte man erkennen, dass der Text aus dem Englischen übertragen wurde. Das englische “fundamental(ly)” wurde naheliegenderweise mit “fundamental” übersetzt, was sich hier aber etwas seltsam anhört. Eine alternative Übersetzung wie “grundsätzlich” würde sich flüssiger lesen.

Wie kommt so ein lachhafter deutscher Text zustande? Meine Vermutung ist: das englische Original wurde maschinell übersetzt, und diese Rohübersetzung dann in großer Eile nachkorrigiert, wobei einiges übersehen wurde.